Freitag, 11. Juli 2014
Herzplastik
Zwanzig Minuten bevor ich beim Zug sein wollte, läutet das Telefon. Der Mamazwerg ist dran. Wir haben ausgemacht gemeinsam zum Friedhof zu fahren und nachdem seit Montag alles von mir gerissen wurde, ist mir das sehr lieb. Auch, daß ich den Weg nicht alleine fahren muß.

Schnell, sag ich, ich bin quasi schon unter der Dusche.
Bin ich auch gleich, sag der Mamazwerg. Zum Ausmachen kommts gar nicht mehr.

Worum ich gebeten hatte, wird ignoriert. Fast fröhlich, in einem Nebensatz, kommt die Mitteilung. Eine Fußnote.
Ich bin fassungslos und schrei den Mamazwerg an. Dann leg ich auf und will gar nicht in der Lage sein, nachzudenken.

Als Erstes, stell ich mir den Wecker neu und räume mir so viel wie möglich von der nicht verbleibenden Zeit ein.
Später suche ich das Wattemittel, um genug Wirkungszeit zu haben, bevor wir aufeinander treffen (und die Entscheidung ist richtig) und den Inhalator.

Mit dicken roten Augen und noch mehr roten Flecken im Gesicht verlasse ich das Haus und versuche mich daran zu erinnern, wie ich ans Ziel komme.
Während der Fahrt stecke ich die Nase in ein Buch und versuche mich durch die ritualisierte Handlung abzulenken. Das hilft soweit, daß ich kurz vor der Ankunft noch in der Arbeit anrufen kann, um kurz die Sachen vom Morgen noch einmal zu besprechen.

Den Berg hinauf ist noch alles gut, bis ich dann dem Mamazwerg über den Weg laufe. Ob ich mit Blumen holen gehe. Nein, ich geh schon mal vor, sag ich.
Und komme nicht mehr weit. Das ist wirklich zu viel für mich.

Die Wut über die Unsensibiliät wird zwar von der Watte verdrängt, mehr aber auch nicht. Ich will da nicht allein hin. Das ist mir zu viel.
Auch das Geltungsbedürfnis. Das ist nicht unser Tag - trotz allem nicht. Die anderen haben Vorrang.
Ich verstehe nicht, was den Mamazwerg dazu geritten hat, das zu tun und habe die verschiedenste Vergleiche noch zu Hause gesucht. Gelandet bin ich bei Plastik, weil ein Stein mehr Gefühl hat.

Ich gehe dem Mamazwerg entgegen und sage, daß ich nicht allein gehen will. So gehen wir zusammen und kurz darauf stellt sich der Mamazwerg auch schon in den Mittelpunkt. Mir ist das alles höchst unangenehm. Das kann alles warten.
Zum Glück werden wir unterbrochen, der Rest der Familie kommt vom Grab. Wir begrüßen uns und wir werden alle vorgestellt.

Dann kommt ein Mitarbeiter und verweist sanft auf die Uhrzeit. Sämtliche Handys werden ab- oder lautlos gedreht.
So sitzen fünfzehn Menschen in vier Reihen, dreizehn sind eine Familie.

Dann läutet laut ein Handy und ich entspanne mich. Wie im Konzert, denke ich. Auch bei der Musik und beobachte das Blinken der einen Neonröhre an der Decke. Und wenn es nicht mehr geht, denke ich an Babyspucke auf meinem Arm. Das hilft sehr.

Während der Rede stelle ich fest, daß man bei meinem Trauertag vorher die Lichter kontrollieren muß. Später erzähle ich das dem Mamazwerg und wir kichern.
Die Kerzen hätte ich auch gerne alle gerade.

Die Blumenarrangements sind sehr schön. Die Rede anders, als ich erwartet hatte.
Dann geht es zum Grab und dort etwas unorganisiert zu. Niemand weiß wohin oder wann, aber das ist ok. Wir sind eine überschaubare Gruppe und alle ein bisserl durch den Wind. (Ich bin auf einer weiteren Wattierung, damit ich den folgenden Lokalbesuch und später Kundentermin durchstehe.)

Du setzt Dich dann zu den Kindern, sagt die Schwiegertochter zu mir, als wir langsam das Grab den Totengräbern überlassen.
Ich möchte, daß Ihr Euch kennenlernt und Kontakt habt.
Ich bin sehr überrascht durch meinen Kokon und stimme zu.

Ganz so viel wird vorerst daraus nichts, weil sie sich gleich zu mir setzt (quasi von einem Nichtraucherende zum anderen). Aber es ist gut. Wir unterhalten uns über Bücher und dann über die Schule.
Ganz schön viele Leute, die alle im selben System - sogar Gebäude - waren, sitzen an einem Tisch.

Als es für mich sowieso langsam Zeit wird, aufzubrechen, müssen auch die anderen los und so teilen wir uns für die Bimrichtungen auf.
Das gibt dann noch Gelegenheit mehr miteinander zu sprechen.

Ich bin gespannt, wie sich das entwickeln wird.

Zum Kundentermin komme ich pünktlich, weil sich die alle Verbindugen wie verabredet ausgegangen sind und ich schalte auf Autopilot.
Als ich von dort im Weggehen bin, läuft mir ein Schulkollege fast in die Arme. Das freut mich sehr.


Zu Hause angekommen gibt es ein sehr sehr langes ruhiges Telefonat mit dem Mamazwerg.
Nur ganz kurz schneide ich an, daß ich die Aktion in der Früh nicht gut fand. Was hätt ich machen sollen, irgendwer hätte Dir auch kondoliert.
Den Mund halten, denke ich.

Ich finde es nicht korrekt - es war nicht notwendig mir den Tag derart schwer zu machen. Zumal mich verdrängte Trauer krank gemacht hat und noch immer nicht ganz behoben ist.

Ich finde es gut, daß Ihr so viel miteinander gesprochen habt. Euch geht das so sehr ans Herz.
Ja, denke ich und sage nichts darauf.


In ein paar Stunden fahre ich zum Flughafen, später zu einem Wohlfühl -kunden, bevor ich dann Zeit für mich habe. Dann ohne Wattierung.
Mal sehen. Die Ereignisse von gestern gilt es auch noch zu verdauen.

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